Wie Heidi nach Japan kam

Chapter Japan

Er sorgt für ein engmaschiges Beziehungsnetz zwischen UZH-Alumni in Japan. Yuta Daigi ist Co-Chair des Alumni-Chapters in Tokio, hat selbst an der UZH studiert und arbeitet heute als Dozent an der japanischen Universität Mie. Sein Forschungsgebiet: Die Sprache in Johanna Spyris «Heidi». Ein Porträt.

Yuta Daigi kommt einige Minuten verspätet zum Interviewtermin. Es ist dem Japaner unangenehm, gehört es doch in Japan zum guten Ton, stets pünktlich zu sein. Dabei war der vereinbarte Treffpunkt schwierig zu finden: der Hotelkomplex des «Grand Prince Hotels» in Tokio besteht aus drei verschachtelten Gebäuden mit jeweils unterschiedlichen Empfangshallen. Nach einer herzlichen Begrüssung mit Verbeugung setzen wir uns in die Lobby mit Blick auf einen jener wunderbaren Gärten, wie sie nur in Japan zu finden sind.

Yuta Daigi, tadellos gekleidet und sehr höflich, überreicht als erstes ein kleines Geschenk. Er freue sich auf das Gespräch und das anschliessende Treffen mit einer UZH-Alumni Reisegruppe, die derzeit durch Japan reist. Das Chapter in Tokio ist eines von insgesamt 13 internationalen Chapters der UZH. Seit 2012 engagiert sich Yuta Daigi als Co-Chair und sorgt für regelmässige Treffen. Er erklärt: In einem Chapter schliessen sich gleichgesinnte Alumni der Universität Zürich auf unkomplizierte Weise zusammen, zum Beispiel aufgrund ihrer gleichen fachlichen Ausbildung oder anderer gemeinsamer Interessen, seien es sportlicher, kultureller oder wirtschaftlicher Art. In unserem Fall sind es Alumni, die in Japan leben. Die Leitung des Chapters bestimmt Programm und Aktivitäten und setzt diese um.

Von Wittgenstein zur Linguistik

Das erste Alumni-Symposium in Kyoto hat Yuta Daigi mitorganisiert. Es war ein grosser Erfolg. Die Präsentationen der Forschenden – etwa die von UZH-Professor Hans Bjarne Thomsen, Kunsthistoriker mit Schwerpunkt Ostasiatische Kunst, verdeutlichten die facettenreichen akademischen Beziehungen zwischen Japan und der Schweiz. Zudem ist es Yuta Daigi ein Anliegen, japanische Studierende zu beraten, die an der UZH studieren möchten. Er selbst war von 2009 bis 2010 als Austauschstudent an der UZH, damals studierte er Philosophie, vor allem der Philosoph Ludwig Wittgenstein interessierte ihn. Vier Jahre später kam er zurück, um von 2014 bis 2015 an seiner Doktorarbeit zu arbeiten und zwar im Bereich der deutschen Linguistik.

Yuta Daigi

«Ich habe Schwein gehabt», sagt er lachend, denn er habe nach seiner Dissertation eine Stelle als Dozent an der Universität Mie (http://www.mie-u.ac.jp) bekommen. Heute unterrichtet er dort Studierende, die sich für ein Germanistikstudium entschieden haben. An seiner Universität sind das etwa 350, eine stattliche Zahl, steht doch Deutsch in Japan nicht an erster Stelle. Denn Englisch und Chinesisch sind vor allem für Studierende der Wirtschaftswissenschaften aber auch für die der anderen Fakultäten bevorzugte Fremdsprachen.

Grüezi und Grazie

Yuta befasst sich in seiner Forschungstätigkeit mit einem sehr schweizerischen Thema: Er untersucht die Mundartausdrücke und ihre textuelle Funktion in dem 1880 erschienenen Heidi-Roman der Schweizer Autorin Johanna Spyri. Die Geschichte um ein Waisenkind, das durch die Fürsorge eines Grossvaters seine Liebe zu den Bergen entdeckt, wurde ein Klassiker des Jugendromans – nicht nur in Europa, sondern auch in Japan.

Nach dem zweiten Weltkrieg hatte die aufstrebende Industrienation das Bedürfnis nach Harmonie und der heilen Welt der Natur. Gerade deshalb sprach Spyris Alpenidyll die japanischen Leser an. Die Heidi-Begeisterung fand dann in den Siebzigerjahren neue Nahrung: Die beiden japanischen Animé-Künstler Isao Takahata und Hayao Miyazaki schufen eine Trickfilm-Adaption von Heidi. Takahata und Miyazaki zeichneten die Schweizer Natur nach und gaben den Figuren die berühmten Kulleraugen. Heidi erlangte in Japan nun vollends Kultstatus. Sollte Yuta Daigi demnächst seine Forschungsergebnisse veröffentlichen, kann er deshalb davon ausgehen, dass sie sowohl in der Schweiz als auch in Japan auf Interesse stossen werden.

Viele Gemeinsamkeiten

Aber warum engagiert sich der viel beschäftigte Linguist für das Alumni-Chapter? Er habe damals als Austauschstudent und später als Doktorand von einem Netzwerk aus Kollegen profitiert und möchte das gerne weitergeben. Denn am Anfang sei ein Studium im Ausland schwer und man sei auf Hilfe angewiesen. «Als ich in die Schweiz kam, habe ich zum Beispiel gedacht, Grüezi hiesse danke, so wie Grazie. Das führte regelmässig zu Verwirrung». Nach einem Intensiv-Kurs beim Sprachenzentrum ging es dann besser, obwohl gerade die Mundart für ihn zunächst eine sprachliche Herausforderung blieb, die ihn dann aber zunehmend faszinierte.

Zudem ist er davon überzeugt, dass der Austausch mit UZH-Alumni das Zusammengehörigkeitsgefühl stärkt und die Verbindung zur ehemaligen Alma mater aufrechterhält. Es gebe gerade zwischen der Schweiz und Japan doch viele Gemeinsamkeiten, die Universitäten seien in etwa ähnlich organisiert und gemeinsame Forschungsprojekte hätten sich bewährt. Das zeige sich auch ganz aktuell am Besuch von Bundesrat Alain Berset, der gerade jetzt in der Botschaft weilt und mit dem japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe eine Absichtserklärung zwischen dem Schweizerischen Nationalfonds und dessen japanischer Schwesterorganisation für eine noch engere Kooperation bei Wissenschaft und Forschung unterzeichnet.

Auf die Frage, ob er sich vorstellen könnte, als Dozent an die UZH zurückzukommen, nickt Yuta: «Ja, klar, das wäre fantastisch».