Fanni Fetzer: Direktorin des Kunstmuseums Luzern

Auf Kunst(dis)kurs 

Persönlichkeiten blicken auf ihre Studienzeit an der Universität Zürich zurück. Diesmal Fanni Fetzer, Direktorin des Kunstmuseums Luzern.

Text: Alice Werner, erschienen in UZH News 27.3.2018, Fotograf: Tom Haller

Fanni Fetzer

Ursprünglich wollte Fanni Fetzer selber Künstlerin werden. «Ich habe einfach immer gern gezeichnet», erzählt die Direktorin des Kunstmuseums Luzern bei einem Besuch. Draussen, hinter der grossflächigen Verglasung des Kultur- und Kongresszentrums Luzern (KKL), funkelt der Vierwaldstättersee in der morgendlichen Wintersonne. Das mit Holz und sandfarbenen Textilien eingerichtete Museumscafé im vierten Stock bietet einen grandiosen Ausblick auf die pittoreske Altstadt – seit die Administration des Kunstmuseums 2015 ihre Büros zugunsten eines öffentlich zugänglichen Bereichs mit Foyer, Buchshop und Café geräumt hat und auf der Gebäuderückseite eingezogen ist.

Künstlerin werden, das merkt Fanni Fetzer im Vorkurs an der Kunstgewerbeschule Zürich schnell, liegt ihr dann doch nicht im Blut. Ihr Zugang zu Malerei und Co. ist ein anderer. Sie denkt viel über die gestellten Aufgaben nach, fühlt sich intellektuell unter-, handwerklich aber überfordert. Am Ende präsentiert sie statt eines Kunstwerks einen Text.

Also keine Künstlerexistenz, lieber eine akademische Karriere. Fetzer schreibt sich für Politikwissenschaft, Volkskunde sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Zürich ein – eine Fächerkombination, für die sie kein Latinum braucht. «Am Anfang war ich frustriert, dass ich ohne Lateinkenntnisse nicht studieren durfte, was ich wollte, und dass ich mich zudem auf drei Fachrichtungen beschränken musste. Dabei hätte ich am liebsten 15 verschiedene Fächer gleichzeitig belegt.»

Die Enttäuschung hält nicht lange an, «denn die öffentlichen Ring- und Poetikvorlesungen in Germanistik und Kunstgeschichte konnte ich ja trotzdem besuchen». Sich aus Interesse zu verzetteln, das geniesst die 20-Jährige ausgiebig. Ausserdem erlebt sie das Studium als «sehr diskursfreudig». Ob es in den Kursen um das Geschlechterverhältnis in der Schweizer Politik, Negativzinsen oder Demokratiebestrebungen in der EU geht – Fetzer hat häufig das Gefühl, am Puls der Zeit zu diskutieren.

Mit dem universitären Abschluss eilt es ihr folglich nicht, zumal sie studienbegleitend beim Kulturmagazin «Du» arbeitet, erst als Volontärin, dann als Redaktorin. Fetzer schreibt sich quer durch die Themenfelder – von der Geschichte der Kartoffel bis zu den Strickbildern der Künstlerin Rosemarie Trockel. Und sie merkt dabei: Letztlich ist es egal, welches (geisteswissenschaftliche) Fach man studiert, «es geht vielmehr darum, kritisches Denken zu lernen, Texte gegen den Strich zu lesen, zu -analysieren, in einen Kontext einzuordnen und sich eine souveräne Meinung zu bilden».

Verschwurbelte Texte sind verboten

Nach 17 Semestern gibt sie ihre Lizenziatsarbeit im Fach Volkskunde ab: ein Oral-History-Projekt, bei dem sie die individuellen Lebensgeschichten und Bewältigungsstrategien von jungen Witwen im Kontext gesellschaftlicher Konventionen dokumentiert und aus kulturwissenschaftlicher Perspektive aufbereitet. Diese Methode der Geschichts- und Sozialwissenschaft – «rausgehen und mit den Leuten schwätzen» – ist Fetzer heute noch sympathisch. Ob es zeitgenössische Künstler sind, die sie in ihrem Atelier zum Gespräch trifft, oder Begegnungen mit Museumsbesuchern: «Ich höre den Menschen gerne zu.» Diese Haltung verhilft ihr zu Bodenhaftung in einer Branche, in der man sich gern mal aufplustert. So ist es in ihrem Haus verboten, «verschwurbelte Texte» zu schreiben: «Man muss nicht in jeder Ausstellungspublikation Lacan zitieren und akademische Gelehrtheit demonstrieren.» Im Gegenteil: «Wir wollen das Publikum auf Augenhöhe ansprechen, sodass es sich selbständig und souverän in einer Ausstellung zurechtfinden kann. Dazu müssen wir unsere Vermittlerrolle ernst nehmen und unsere Gedanken und die der ausgestellten Künstlerinnen und Künstler transparent machen.»

Nach sechs Jahren beim Kulturmagazin «Du» tritt Fanni Fetzer 2004 eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kunstmuseum Thun an, zwei Jahre später übernimmt sie die Leitung des Kunsthauses Langenthal. Vom Journalismus zur Kunstvermittlung – für Fetzer fühlt sich dieser Sprung eher wie ein Perspektiven- denn ein Berufswechsel an: «Das konzeptionelle Arbeiten ist ähnlich.»

Seit 2011 wirkt sie nun als Museumsdirek-torin in Luzern. Hier, auf gut 2000 Quadrat-metern, aufgeteilt auf 18 vom Pariser Architekten Jean Nouvel bewusst «nackt» gehaltene Räume, steht ihr eine dreimal so grosse Fläche für die Kunst zur Verfügung wie zuvor in Langenthal. Von den jährlich rund acht Ausstellungen kuratiert Fetzer neben ihren Managementaufgaben und der kulturpolitischen Arbeit drei Schauen selbst. Sie freut sich über die Freiheit, das zu zeigen, was sie persönlich berührt.

Auf die übermütigen, phantasievollen Zeichnungen des 1911 geborenen Mervyn Peake, eines britischen Autors, Dichters, Malers und Illustrators – etwa der «Kinder- und Hausmärchen» der Gebrüder Grimm und Lewis Carolls «Alice im Wunderland» –, stiess Fanni Fetzer per Zufall während einer Reise durch den Norden Englands, in einer Ausstellung anlässlich seines 100. Geburtstags. «Als wir vor den humorvollen, hintersinnigen Illustrationen zu seiner Seeräubergeschichte ‹Captain Slaughterboard Drops Anchor› standen, war es um uns geschehen.» Die 45 Blätter, die von der aussergewöhnlichen Freundschaft zwischen dem rauen Seeräuberkapitän und einem auf einer paradiesischen Insel lebenden Wesen erzählen, hat Fetzer in ihrer im Januar zu Ende gegangenen Ausstellung «Yellow Creature. Aspekte der Transformation» gezeigt. Die bereits 1936 von Mervyn Peake geschaffene Figur Yellow Creature ist titelgebend für die Gruppenausstellung, die Grenzziehungen zwischen Mensch, Tier und Pflanze, Geschlechtern und Gattungen hinterfragt. «Denn das gelbe Wesen ist eine komplett unkonventionelle Figur, changiert zwischen Frau, Mann, Tier und Mensch, jenseits von Altersgrenzen. An dieser mit Hörnchen, Haarbüscheln und Fühlern ausgestatteten Kreatur lässt sich im Rahmen der aktuellen Transgenderdiskussionen exemplarisch erörtern, welche ethischen, rechtlichen und moralischen Kategorien heutzutage für Lebewesen gültig sind.»

Während die häufig ambitionierten Wechselausstellungen das Publikum mit aktuellen
Themen konfrontieren sollen, leisten die Präsentationen von Werken aus der Sammlung (einen Schwerpunkt bilden Zentralschweizer Künstler) einen Beitrag zur kulturellen Identität der Region. «Zudem bieten wir Künstlerinnen und Künstlern aus den Kantonen rund um den Vierwaldstättersee einmal pro Jahr die Gelegenheit, sich in unserer Jahresausstellung mit ihren Werken zu präsentieren.»

In Zusammenarbeit mit der Tate Britain plant Fanni Fetzer gerade eine grosse Ausstellung zum britischen Landschaftsmaler J. M. W. Turner. Anlass ist der 200. Geburtstag der Luzerner Kunstgesellschaft, der Trägerin des Museums. Die Ausstellung «Turner. Das Meer und die Alpen» im Sommer 2019 soll gut 100 Werke des romantischen Künstlers umfassen. Das Kunstmuseum Luzern sei in besonderer Weise mit Turner verbunden, begründet Fetzer die Wahl des Künstlers. Auf der Suche nach Motiven reiste der Maler zwischen 1802 und 1844 mehrmals in die Schweiz, an den Vierwaldstätter- und an den Zugersee, nach Luzern und über den Gotthard. So spannend Fetzer die Vertiefung in Turners Werk findet, eine Sache ärgert sie an der Arbeit mit dem 1851 verstorbenen Künstler gewaltig: «Dass ich nicht bei Turner im Atelier vorbeischauen und ihm bei seiner Arbeit an der ‹blauen Rigi› zusehen kann.»