Ruth Gattiker: eine der ersten Medizin Professorinnen

«Ich sollte Sekretärin werden»

Vielseitig begabt, eigenwillig und durchsetzungsstark, mit diesen Eigenschaften ausgestattet, gelang es der heute über 90-jährigen Ruth Gattiker ein Leben zu führen wie nur ganz wenigen Frauen ihrer Generation. Sie war eine der ersten Anästhesistinnen für die damals noch neue Herzchirurgie, eine der ersten Professorinnen für Medizin an der UZH und hat mit 70 Jahren noch Musikwissenschaft und Philosophie studiert.

«Ich bin 1923 in Oerlikon, das damals noch nicht zur Stadt Zürich gehörte, geboren und aufgewachsen. Nach der Volksschule besuchten meine zwei Jahre jüngere Schwester und ich Ende der Dreissiger Jahre die Handelsabteilung der Höheren Töchterschule der Stadt Zürich. Unser Vater, Elektroingenieur an der Maschinenfabrik Oerlikon, FDP-Politiker, Schul- und Kirchenpfleger und Mitbegründer der Oerlikoner Zunft, nachdem Oerlikon eingemeindet worden war, hatte klare Vorstellungen, was aus uns Mädchen werden sollte: ‹Ihr macht einen Handelsdiplomabschluss, werdet Top-Sekretärinnen, heiratet und bekommt Kinder!› Dieser Lebensplan ging für meine Schwester auf, aber mir passte er überhaupt nicht. Ich stellte mir ein akademisches Studium vor und obwohl ich nicht an Wirtschaft und Handel interessiert war, machte ich, da es keine andere Möglichkeit gab, nach dem Diplom und einem Zusatzjahr noch die Handelsmatura. Ich wollte Germanistik studieren, doch meine Lehrer fragten mich: ‹Hast du einen reichen Vater – Germanistik ist ein brotloses Studium, studiere besser dein anderes Lieblingsfach Mathematik.› Doch auch dazu fehlte mir das Latein und die naturwissenschaftlichen Fächer, was damals zur Immatrikulation an allen Fakultäten, ausser an der Wirtschaftsfakultät verlangt wurde. Mit Hilfe meiner Mutter, einer bescheidenen Frau mit grosser Lebensweisheit, setzte ich bei meinem Vater die Erlaubnis zu einem Jahr Vorbereitung an der Privatschule Minerva für  eine Ergänzungsmatura in den mir fehlenden Fächern durch.

Neben Latein und Naturwissenschaft schrieb ich mich auch für Altgriechisch ein. Nach der entsprechenden Ergänzungsmatura begann ich mit dem Mathematik-Studium. Die Vorlesungen in den Nebenfächern Physik und Chemie besuchten wir zusammen mit den Medizinstudenten. Nach einiger Zeit wurde mir klar, dass ich eigentlich lieber Medizin studieren und Ärztin werden würde. Doch dazu brauchte man eine Eidgenössische Matura. Die entsprechenden Prüfungen für sogenannte Externe wurden jeweils alternierend in den Universitätsstädten angeboten. Im Frühjahr 1947 war die ETH an der Reihe. Nach meinen fünf Semestern Mathematik meldete ich mich zu dieser externen eidgenössischen  Maturaprüfung an, ohne zuhause etwas zu sagen. Die Prüfungen in sämtlichen Fächern dauerten eine Woche. Nachdem ich den Brief bekam, dass ich bestanden hatte, immatrikulierte ich mich umgehend an der Medizinischen Fakultät und stellte meinen Vater vor vollendete Tatsachen. Er sah ein, dass es für mich (und für ihn) nun keinen anderen Weg mehr gab. Und ein wenig stolz auf meine Hartnäckigkeit war er wohl auch. Er versprach, mich weiterhin zu unterstützen. Nach all diesen Umwegen war ich noch niemand, während meine Schwester schon seit zweieinhalb Jahren ihren Lebensunterhalt als Chefsekretärin bei Nestlé verdiente.

Familie oder Beruf

Ich begann das Medizinstudium 1947. In meinem Semester gab es nur vier oder fünf Frauen. Alle schlossen das Studium mit dem Staatsexamen ab,  aber nur eine führte nachher trotz Heirat und Kindern eine eigene Arztpraxis bis zu ihrem Pensionsalter. Alle andern haben über kurz oder lang nach der Heirat ihren Beruf aufgegeben. Mein Weg verlief anders. Wohl hätte ich auch die Gelegenheit gehabt zu heiraten. Doch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war damals noch kein Thema. Es war ein Entweder Oder. Ich wollte meinen Beruf und meine Freiheit. Während des klinischen Studiums verbrachte ich ein Semester in Paris an verschiedenen Universitätskliniken. An Ostern habe ich mit meiner Zimmernachbarin, einer (ebenfalls protestantischen) Amerikanerin, mit 800 katholischen Studenten eine sehr entbehrungsreiche, aber unvergessliche Pilgerfahrt nach dem spanischen Avila unternommen. Weitere drei Semester vor dem Staatsexamen habe ich in Lausanne studiert, wo ich am Institut d’Anatomie et d’Embryologie cytologische Studien für meine Doktorarbeit machen konnte. Im Dezember 1952 bestand ich in Zürich das medizinische Staatsexamen und reichte noch im selben Jahr an der Universität Lausanne meine Dissertation ein. Im dortigen Institut d’Anatomie et d‘Èmbryologie arbeitete ich als wissenschaftliche Assistentin noch bis Mai 1954.

Im Juni 1954 trat ich meine erste klinische Stelle in der chirurgischen Abteilung der Schweizerischen Pflegerinnenschule an, wo ich unter der dortigen Chefärztin Dr. Marie Lüscher eine chirurgische Ausbildung genoss. Sie riet mir zum damals noch sehr jungen Spezialfach Anästhesiologie. Diese Ausbildung begann ich 1956 beim damaligen Leiter der Abteilung für Anästhesie Dr. Georg Hossli. Für den  neuen Spezialarzttitel FMH für Anästhesiologie wurde auch je ein Jahr Chirurgie und Innere Medizin verlangt. Da mir letzteres noch fehlte, nahm ich ab Februar 1959 eine Assistentenstelle im Krankenhaus Neumünster bei Prof Dr. Fritz Koller an. Dort gefiel es mir ausserordentlich gut, vor allem auch fachlich, sodass ich bereits mit dem Gedanken spielte, auf Innere Medizin umzusatteln –  hätte damals nicht bereits das Gerücht zirkuliert, dass die Fakultät einen Herzchirurgen an das Zürcher Universitätsspital zu berufen gedenke. Bei der Entwicklung der Anästhesie für Herzchirurgie dabei zu sein, reizte mich schon sehr. Ich sprach darüber auch mit meinem Chef Hossli, der nach seiner Habilitation Professor und Ordinarius am neuen Institut für Anästhesiologie geworden war. Nach abgeschlossener Fachausbildung wurde ich zur Oberärztin befördert.

Pionierzeit der Herzchirurgie

Bald darauf wurde der renommierte schwedische Herzchirurg Ake Senning per 1. April 1961 nach Zürich berufen. Er verlangte, dass der für die Herzchirurgie zuständige Anästhesist umgehend für drei Monate zu ihm an die Thoraxklinik des Karolinskaspitals in Stockholm kommen müsse, da die Anästhesie für Herzchirurgie sehr anspruchsvoll und eine enge Zusammenarbeit mit dem Chirurgen und dem für die Herz-Lungenmaschine zuständigen Techniker unverzichtbar sei. Ausserdem müsse man die elektronische Kreislaufüberwachung und die dazu einzulegenden Venen- und Arterienkatheter beherrschen.

Als Hossli mich bei Senning ankündigte, reagierte dieser sehr negativ. Weltweit, wie er behauptete, gäbe es keine einzige Frau für eine so anspruchsvolle Tätigkeit. Er, Hossli selber, müsse kommen. Aber dieser blieb hart und so flog ich in der stürmischen Neujahrsnacht 1961 mit einer zweimotorigen Maschine ab, die in Hamburg wegen Treibstoffmangel und in Kopenhagen witterungsbedingt notlanden musste. Ich kam dennoch ans Ziel. Senning empfing mich erwartungsgemäss sehr skeptisch, doch als er sah, wie ich mich für die Sache einsetzte und vor allem wie belastbar ich war, gewann er bald Vertrauen. In seinem Chefanästhesisten PD Dr. Olof Norlander hatte ich einen ausgezeichneten Lehrer. Die Operationen bestanden vor allem aus Herzklappenchirurgie bei Erwachsenen und Palliativoperationen bei angeborenen Herzfehlern im Kindheitsalter. Es gab noch kaum künstliche Herzklappen. Senning rekonstruierte die defekte Mitralis und entwickelte zum Ersatz der Aortenklappe eine eigene Methode. Er entnahm dem Patienten am Oberschenkel ein Stück der Fascia lata (einer Sehnenplatte), aus der er eine trikuspide Aortenklappe konstruierte und diese anstelle der defekten einsetzte. Es waren harte Zeiten, die Mortalität war hoch, 50% der Patienten überlebten den Eingriff nicht, wobei zu sagen ist, dass man natürlich auch nur schwerkranke Patienten operierte, die ohne Operation kaum mehr eine Chance hatten.

Am 1. April 1961 begannen wir als erste Klinik in der Schweiz mit der offenen Herzchirurgie. Es ging so weiter wie in Stockholm. Die Schwierigkeiten waren dieselben: postoperative Nachblutungen, Lungenkomplikationen etc. – wenn wir kritische Patienten hatten, blieben wir oft die ganze Nacht im Spital.

Mit VW-Käfer in den USA

1963/64 ermöglichte mir Senning einen 18-monatigen Aufenthalt an der Mayo Clinic in Rochester Minnesota USA, bei einem der damals berühmtesten Herzchirurgen, John Kirklin, wo ich meine Ausbildung nicht nur in kardiovaskulärer Anästhesie, sondern auch in Kardiologie vervollständigen konnte. Nach einem Jahr an der Mayo-Clinic tourte ich die letzten sechs Monate durch die USA mit meinem VW-Käfer, den ich noch in Zürich zollfrei nach Amerika bestellen konnte. Prof. Kirklin stellte mir die Route zu allen renommierten herzchirurgischen Zentren zusammen und meldete mich auch überall zu fixen Zeiten an. Ich fuhr zuerst westwärts nach Seattle, der Westküste entlang nach San Francisco, Palo Alto, Los Angeles, San Diego, dann durch die Wüste nach Tuscon, Houston/Texas und an die Ostküste. Zwischen den Terminen hatte ich Zeit zum Besuch der vielen amerikanischen Nationalpärke. In New York traf ich meine Freundin Dr. Lüscher. Wir fuhren erneut mit dem treuen VW nach Houston, trafen dort eine gute Freundin aus Davos, mit der zusammen wir noch sechs Wochen Mexiko bis Yucatan bereisten.

Kurz vor Weihnachten 1964 kam ich nach Zürich zurück, wo mich mein erster Weg ins Uni-Spital führte. Dort machte Prof. Senning gerade die schweizweit erste Nierentransplantation. Fünf Jahre später, 1969, führte er dann die erste Herztransplantation in der Schweiz durch. Die Herzchirurgie war längst sicher geworden, die Mortalität nicht höher als in der übrigen Chirurgie.

Professorin an der Medizinischen Fakultät

Während meiner Abwesenheit in den USA kaufte meine Freundin Land in Davos, wo wir später ein Ferienhaus bauten. Dieses war 1970 bezugsbereit. Im selben Jahr erschien mein Buch über Anästhesie in der Herzchirurgie, mit dem ich mich habilitierte. Ich wurde Leitende Ärztin für Kardiovaskuläre Anästhesie, mittlerweile eine Spezialabteilung mit vier Oberärzten und ebenso vielen rotierenden Assistenten. 1976 wurde ich Titularprofessorin zusammen mit einer Kollegin der Augenklinik. Wir waren die ersten Professorinnen an der Medizinischen Fakultät Zürich.

1986, nach 25-jähriger einzigartiger freundschaftlicher Zusammenarbeit mit Prof. Ake Senning (1985 emeritiert), mit dem ich die gesamte Pionierzeit der Herzchirurgie erleben und mitgestalten durfte, wurde ich pensioniert.

Pendeln zwischen Zürich und Davos

Ich spiele Klavier und die Musik hat mich ein Leben lang begleitet. Mit 70 Jahren habe ich noch Musikwissenschaft mit Nebenfach Philosophie zu studieren begonnen und inklusive aller Seminararbeiten absolviert. Meine Freundin mit der ich – häufig gemeinsam mit anderen an alten Kulturen Interessierten – viele Reisen und Trekkings in Griechenland, in der Türkei und in Ägypten unternommen habe, ist 1991 gestorben. Da es mir in Zürich irgendwann zu einsam wurde, gab ich meine Wohnung an der Zollikerstrasse auf und beschloss 2011 in das Davoser Haus zu ziehen, wo ich viele altbekannte Freunde und Nachbarn habe. Jedoch auf Zürichs kulturelle Angebote kann ich nicht verzichten, da ich auch weiterhin einige Konzert- und ein Opernabonnement habe und an der Volkshochschule Lese- und Übersetzungskurse in Latein und Griechisch besuche. Oft bin ich dann gezwungen,  in einem kleinen, sehr zentral gelegenen Hotel zu übernachten.

Gönnerin des FAN (Fonds zur Förderung des akademischen Nachlasses), der zum ZUNIV gehört, bin ich seit dessen Gründung 1998. Es schien mir – schon aus Dankbarkeit für meine eigene Karriere – selbstverständlich hier mitzumachen. Man zahlt einen Gönnerbeitrag von mindestens 2000 Franken pro Jahr. Ich besuche gerne die beiden jährlichen Gönneranlässe, bei denen man jeweils in ein Institut der Uni zu einem Vortrag eingeladen wird. An diesen Anlässen treffe ich auch immer alte Kollegen. Ich blicke auf ein reiches interessantes Leben zurück und bin dankbar, dass es mir auch mit über 90 Jahren noch immer gut geht.»