Remo Largo: Kinderarzt, Wissenschaftler, Autor

Persönlichkeiten blicken auf ihre Studienzeit an der UZH zurück. Diesmal Remo Largo: Kinderarzt, Wissenschaftler und Sachbuchautor.

Text von Alice Werner, erschienen im UZH Journal Nr. 1/2015

Remo Largo

Remo Largo, Illustration: Azko Toda

Seine Erziehungsfibeln sind Klassiker im Bücherregal. Seine Botschaften werden von Eltern aufgesogen und von Fachkollegen geschätzt; sie haben sich in den Köpfen seiner Leser eingenistet und dort Wurzeln geschlagen. Es gibt Menschen, die ganze Textpassa- gen aus seinen Werken rezitieren können. Andere kennen seine Wortmeldungen aus bildungspolitischen Debatten. Etwa die auf Basis seiner Forschungstätigkeit gewonnene Erkenntnis: «Drill führt zu nichts.»
Sogar sein häufig beschworenes Lieblings- sprichwort, das aus Afrika stammt, hat sich hierzulande als geflügelte Weisheit verselbständigt, als Warnung vor dem allgegenwärtigen Förderwahn in Familien und Schulen: «Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.» Seinen Verehrern gilt er als Papst der Kindererziehung.
Die Begegnung mit Remo Largo findet an seinem ehemaligen Arbeitsplatz statt, einer für Zürich-Hottingen charakteristischen bürgerlichen Villa aus dem frühen 20. Jahrhundert. In den Räumlichkeiten ist unter anderem die Remo-Largo-Stiftung für Entwicklungspädiatrie untergebracht. Der Kinderarzt und emeritierte UZH-Professor ist für das Interview in die Stadt gekommen, seit einiger Zeit lebt er auf dem Land. Der erste Eindruck von ihm: ein Mann von sanfter Autorität, der sich eher durch scharfes Denken denn durch scharfe Worte auszeichnet. Am Ende des Gesprächs ist der Raum erfüllt von einem überdimensionalen Fragezeichen: Wie kann man den Menschen als solchen verstehen, in seiner ganzen Komplexität?
Das Rätsel Mensch treibt den jungen Remo Largo 1963 von Winterthur an die Universität Zürich. Als Erster aus seiner vor zwei Gene- rationen aus Norditalien eingewanderten Familie beginnt er eine akademische Ausbildung. Ein Fach, so denkt er, das seine uneingeschränkt grosse Neugier zu befriedigen vermag: Medizin. Die Ernüchterung erfolgt schon bald. Als Absolvent eines naturwissen- schaftlichen Gymnasiums ohne Lateinunterricht muss er das Studium der alten Sprache nachholen. Den Zwang zur Lateinmatur als (administrative) Voraussetzung zum Propädeutikum nimmt er damals als strategische Herausforderung: «Wir taten uns zu viert zusammen und arbeiteten einen minutiösen Schlachtplan aus, wie wir das Lateinische innerhalb von neun Monaten in unsere Köpfe pressen können.» Das Kurzzeitgedächtnis arbeitet einwandfrei, ein halbes Jahr nach der bestandenen Prüfung aber ist alles wieder vergessen. Der Ärger über «diese exemplarische Unsinnigkeit unseres Bildungssystems» lässt noch heute kleine Rauchwölkchen über Largos schlanker Gestalt aufsteigen.


Detailwissen statt einsicht

Der junge Mann, der auszog, um den Menschen besser zu verstehen, kommt seinem Ziel im Hörsaal kaum näher. In der medizinischen Ausbildung, die Spezialistentum anstrebt, wird der Homo auf Körperfunktionen und Krankheiten reduziert, in Gehirn, Gliedmassen, Kreislaufsystem und Verdauungsapparat zerlegt. «Ich akkumulierte enorm viel Detailwissen, das sich aber nie zu irgendeiner Form der Einsicht verdichtete.» Diese frühe Enttäuschung hat sich bei Largo eingebrannt, über das heutige, noch verschultere Medizinstudium will er überhaupt nicht sprechen.
Dass er damals durchhält und sich nicht einem seiner vielen anderen Interessen- gebieten, der Religionswissenschaft oder der Evolutionsbiologie, zuwendet, liegt an den obligatorischen Praktika. Einsätze auf der
Intensivstation und bei der Rettungsflugwacht lehren ihn einen ganzheitlicheren Um- gang mit dem Menschen.
Später entscheidet er sich für die Kinderheilkunde ‒ «der grösste Glücksfall in meiner Laufbahn», so der dreifache Vater und vierfache Grossvater. Von 1978 bis zu seiner Pensionierung 2005 leitet er die Abteilung Wachstum und Entwicklung am Kinderspital Zürich. Über zwei Jahrzehnte lang protokolliert und analysiert der Pädiater die Entwicklungsverläufe von rund 700 Kindern, von der Geburt bis ins Erwachsenenalter: Wie lernen Kleinkinder laufen und sprechen? Auf welche Weise entwickeln sich Sozialverhalten und Selbstgefühl? Unter welchen Bedingungen kann sich ein Teenager selbstbestimmt entfalten? Das gesammelte enzyklopädische Wissen dieser vielbeachteten Zürcher Longitudinalstudien hat den 71-Jährigen skeptisch gemacht in Bezug auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die unsere Jüngsten prägen. Vorschläge und Botschaften, wie man es anders, besser machen könnte, bilden den Grundstock von Largos Büchern.
Die ärgerlichen Rauchwölkchen haben sich im Lauf des Gesprächs verzogen. Breit gemacht hat sich dafür das eingangs erwähnte fette Fragezeichen, gespeist von den vielen kleinen Nachfragen der Besucherin. Remo Largo lächelt: «Ich glaube, mein le- benslanges Bemühen um ein ganzheitliches Verständnis des Menschen hat mich sehr demütig gemacht.»