Andreas Pospischil: Professor für Veterinärpathologie

«Ich darf im Auto nicht zu lange Wagner hören»

Andreas Pospischil ist nicht praktischer Tierarzt für Grosstiere auf dem Land geworden, sondern Professor für Veterinärpathologie. Er fährt seit über 60 Jahren Ski, hat mehr als 250 Opern gesehen und war bis 2003 Mitglied im ZUNIV-Vorstand. Mittlerweile emeritiert, beschäftigt er sich am Collegium Helveticum mit einem Register zu Tumoren bei Katzen und Hunden.

«Veterinär war mein Traumberuf, schon als fünf- oder sechsjähriger Bub, obwohl ich in zwei Grossstädten aufgewachsen bin. 1948 wurde ich in Wien geboren, als die Stadt noch als Folge des 2. Weltkrieges wie Berlin von den Alliierten in vier Sektoren geteilt war. Ich erinnere mich an die Patrouillen der Polizeijeeps, in denen jeweils ein amerikanischer, britischer, französischer und sowjetischer Soldat sassen. 1954 zogen wir nach München. Die Faszination des Stadtkindes für die Tiere rührte daher, dass ich mit meinen Eltern  alle Sommer- und Winterferien im Salzburgerland auf einem traditionellen Bauernhof in Radstadt verbrachte. Dort gab es eine herkömmliche Landwirtschaft mit Kühen, Schweinen, Hühnern und Pferden. Ab und zu kam der Viehdoktor zu Untersuchungen oder Behandlungen, was mich ausserordentlich faszinierte. So einer wollte ich auch werden, einer, der den Tieren hilft. 1968 habe ich dann in München Abitur gemacht und begonnen an der Ludwig-Maximilians Universität Veterinärmedizin zu studieren. Das war gar keine Frage. In dieser Zeit war ich wie viele meiner Schulkollegen bei einigen Demonstrationen dabei, aber ein richtig wilder Achtundsechziger war ich sicher nicht. 1973 habe ich das Staatsexamen gemacht und danach einige Zeit in einer damals üblichen Tierarztpraxis für Grosstiere in Donauwörth gearbeitet. Das gefiel mir sehr gut, aber während ich anschliessend an meiner Dissertation in Virologie arbeitete, packte mich die Laborarbeit und die Wissenschaft. Mein Chef gab mir nach der Dissertation den Tipp, dass sie jemanden wie mich in der Abteilung nebenan, in der Veterinärpathologie, brauchen könnten. Und so wurde aus mir doch kein Viehdoktor, sondern ein wissenschaftlicher Mitarbeiter, der 1984 über Darminfektionen bei Kälbern habilitierte, anschliessend als Postdoc für fast zwei Jahre an das National Animal Disease Center nach Ames, Iowa, in den USA ging und Ende 1985 zurück nach München kam. Es folgte ein kurzer Ausflug in die Privatwirtschaft zur Firma BASF in Ludwigshafen zum Aufbau eines Labors für Elektronenmikroskopie, der 1987 endete, als ich in Zürich Professor und Chef des Instituts für Veterinärpathologie wurde. Ich war im richtigen Moment am richtigen Ort. Nach dem Umzug in die Schweiz wurden wir alle sehr schnell in Schwerzenbach heimisch, wo wir auch ein Haus gebaut haben. 1999 hätte ich nach Wien wechseln können, aber die Familie – meine Frau und die drei Töchter,  die Älteste war damals 20, die Jüngste 13 – wollte lieber in der Schweiz bleiben.

Die Veterinärpathologie hat sich in Forschung und Diagnostik im Laufe der vergangenen dreissig Jahren dank Immunhistologie, Molekularbiologie, DNA-Nachweis und anderer neuer Methoden enorm verändert. Die Methoden zur Untersuchung von Tiergeweben sind heute praktisch identisch mit denen der Humanpathologie. Dazu kommt noch die wachsende Bedeutung der Heimtiere für die Menschen. Tiere haben heute eine so viel wichtigere Stellung als Teil der Familie, dass es keine Seltenheit ist, dass man einen Hund oder eine Katze sezieren muss, weil der Besitzer befürchtet, der Nachbar habe sein Haustier vergiftet, was dann doch nicht so häufig vorkommt. Es gibt zwar für Tiere keine Rechtsmedizin, aber die Tierschutzgesetze wurden stark ausgebaut und so kommt es heute vor, dass Polizei und Staatsanwalt auch im Falle von Tierquälerei und Verstössen gegen das Tierschutzgesetz ermitteln und die Veterinärpathologie gutachterlich involviert wird. Im Unterricht für Studierende haben die elektronischen Medien über e-learning erfolgreich Einzug gehalten, was mich sehr fasziniert und beschäftigt hat. 2013 wurde ich emeritiert, arbeite aber noch Teilzeit am Collegium Helveticum, einer interdisziplinären Einrichtung von UZH und ETHZ. Dort erarbeitet ein Team unter meiner Leitung basierend auf Diagnosen aus drei schweizerischen Diagnostikinstituten eine Datenbank zu Tumoren bei Katzen und Hunden von 1953-2008, das «Swiss Canine/Feline Cancer Registry». Wir konnten Angaben von ca. 130'000 Hunden und 100'000 Katzen digitalisieren und sind daran sie auszuwerten. Es interessiert uns dabei, ob es örtliche oder zeitliche Häufungen von Tumoren oder bevorzugt betroffene Hunde- bzw. Katzenrassen oder Organe gab oder gibt. Wir wollen die Resultate dann auch mit denjenigen von Tumoren beim Menschen vergleichen.

Privat bin ich im Hinblick auf Haustiere mit meiner Familie durch verschiedene Phasen gegangen, so zum Beispiel die Schildkröten-, Wellensittich-, Hamster-, Mäuse- und Rattenphase, mittlerweile sind wir «auf den Hund gekommen». Tiere, die Arbeit mit den Studierenden und die Wissenschaft sind mir zwar wichtig, aber eine meiner weiteren Leidenschaften ist die Oper. Diese begann Mitte der sechziger Jahre in München an der gerade wieder aufgebauten Bayerischen Staatsoper. Meine Frau, mit der ich seit über 40 Jahren verheiratet bin,teilt zum Glück dieses Steckenpferd mit mir. Wir begannen damals ganz weit oben auf den billigsten Stehplätzen. In den vergangenen 50 Jahren habe ich jedes Jahr bestimmt fünf bis sechs Opern gesehen und alle Besetzungslisten gesammelt, nur die Programmhefte nicht. Ich bin daran, alle Listen in eine Excel-Tabelle zu übertragen. So kann ich mein Gedächtnis unterstützen und mich daran erfreuen zu erkennen, welche Oper, welchen Sänger, welche Sängerin ich schon in welcher Produktion, wann gehört habe. Früher, während Kongressen in anderen Städten, wenn die Kollegen abends trinken gingen, habe ich das Opernprogramm studiert und mich häufig für eine besondere Aufführung entschieden. Ich liebe Strauss, Verdi, Puccini und ganz besonders Wagner. Letzten Sommer habe ich mir am Lucerne Festival den ganzen «Ring» konzertant angehört, vier Abende, insgesamt sechzehn Stunden. Eine Wonne, auch wenn der Rücken am Ende arg schmerzte. Man spricht mitunter von der «Drogenqualität» dieser Musik und ich weiss genau, was damit gemeint ist. Ich darf im Auto nicht zu lange Wagner hören, denn mit der Zeit gerate ich in eine Art Rauschzustand, was auf der Autobahn gefährlich werden kann.

Nachdem ich mich nun langsam an den veränderten Lebensrhythmus als Emeritus zu gewöhnen beginne, hoffe ich diesen noch lange geniessen zu können und die Dinge, die ich mir vorgenommen habe, mit Musse durchführen zu können.» (April 2014)