Alex Rübel: Zoo-Direktor

Persönlichkeiten blicken auf ihre Studienzeit an der Universität Zürich zurück. Diesmal Alex Rübel, Direktor des Zürcher Zoos.

Text von Alice Werner, erschienen im UZH Journal Nr. 2/2014

Bild: Zoo Zürich

Das Gekreische der Kindergartengruppe übertönt an diesem winterlichen Morgen sogar die streitlustige Dschelada­ Population auf ihrem Pavianfelsen im afrikanischen Ge­birge. Alex Rübel denkt nicht daran, seinen Schreibtisch zu verlassen und sich unter die lärmende Schar zu mischen. Er kennt das. Im backsteinernen Betriebsgebäude ausserhalb des Zoogeländes ist es dagegen idyllisch ru­hig, Affen­ und Rasselbande sind weit weg. Es ist ein Märchen, dass Zoodirektoren ihre Tage hauptsächlich damit zubringen, in­kognito durch die Anlage zu schweifen, Ge­hege zu inspizieren und das Wohlergehen der Tiere zu überwachen. «Zooarbeit  ist Büroarbeit», sagt Rübel. «Morgens begrüsse ich nicht zuerst die Nilgauantilopen, son­dern meine Mitarbeitenden.» Kaum zwei Minuten dauert das Gespräch, und schon weiss man: Tierliebe allein reicht nicht. Zoo­direktor sein heisst Tier­ und Menschenfreund sein. Für beides findet Rübel, der nun bereitwillig sein Gedächtnis durchforstet, biografische Belege. Mit vier verbringt er zum ersten Mal Ferien auf dem Bauernhof - «ein unvergessliches Erlebnis für einen wie mich, der mitten in der Stadt aufwuchs». Als Schüler wünscht er sich Jahr für Jahr eine Dauerkarte für den Zürcher Zoo. Die Tiervernarrtheit gipfelt in Landdiensten auf der Alp, acht lange Sommer hintereinander: «Kühe hüten, füttern und melken.»  Dass er zum Studium in seiner Heimat Zürich bleibt, ist dem damals frischgekürten Maturanden sonnenklar: «Ich bin seit je und bis heute tief verwurzelt mit dieser Stadt.» Der junge Alex Rübel liebäugelt zunächst mit der Humanmedizin. Was macht den Menschen aus? Was unterscheidet uns vom Tier? Solche Fragen interessieren ihn. Aber die schiere Masse der angehenden Medizin­-Studierenden stösst ihn ab. Dann doch lieber Tierheilkunde. Den Menschen wird er fortan ehrenamtlich studieren, in seiner Rolle als zuständiger organisatorischer Leiter aller 16 000 Pfadfinderbuben des Kantons. «Sie können mir glauben», sagt Rübel und lacht herzhaft, «das war die grösste Lebensschule.» Die Studienjahre an der Universität Zü­rich waren für Alex Rübel dagegen eine in­tensive, strukturierte Zeit des Lernens. Und damit meint er nicht etwa das reine Auswendiglernen des Stoffs – ein notwendiges Übel, das ihm nur Durchschnittsnoten einbringt. Lernen heisst für ihn vielmehr, «bei span­nender Forschung mitzumachen». Die Vor­aussetzungen dafür sind günstig. «Wir wa­ren eher eine Klasse als ein Studienjahrgang, höchstens 35 Leute.» Ein kleiner Rahmen, ein verschworenes Team. Die Studierenden dürfen bei klinischen Fällen mitarbeiten, im OP­Saal assistieren. «Die Professoren», sagt Alex Rübel, «waren für uns greifbar.» Allen voran Ewald Isenbügel, der die Klinik für Zoo­, Heim­ und Wildtiere an der Universi­tät Zürich begründet und sie zu einer der führenden Institutionen Europas aufgebaut hat. Bei ihm, dem exzellenten Tierkenner und Veterinärmediziner, wird Rübel nach Abschluss des Studiums Assistent.

An der Spitze der Forschung mitreden

Der grossgewachsene Zoodirektor muss jetzt auf einen Stuhl klettern, um drei dicke Wälzer aus dem raumhohen Bücherregal zu ziehen. Er klopft auf den obersten Buchdeckel: das erste deutschsprachige Lehr­buch über Heimtiererkrankungen. Und hier: der «Atlas der Röntgendiagnostik bei Heimtieren», ein Fachbuchbestseller. Alex Rübel hat an beiden Werken massgeblich mitgeschrieben. Auch zum Standardwerk «Krankheiten der Wildtiere» hat er wichtige Kapitel beigesteuert, etwa das über Krank­heiten von Greifvögeln. Beim Durchblättern der verstaubten Seiten packt ihn die alte Begeisterung. «Wir konnten damals, unter Isenbügels Führung, in ein noch unbeacker­tes Feld vorstossen und somit gleich an der Spitze der Forschung mitreden.» Und doch: Rübel ist während seiner damaligen Anstellung an der Universität hin- und hergerissen. Für die Wissenschaft brennt er, seine Dissertation schreibt er zum Thema «Röntgenuntersuchungen bei inneren Er­krankungen von grossen Psittaziden». Psit­taziden? Alex Rübel grinst: «Das sind Papa­geienvögel.» Der Lehre jedoch kann der Jungforscher nur wenig abgewinnen. «Nein, halt, das stimmt nicht ganz. Ich habe als Oberassistent mehrere Dissertationen zu Schildkrötenmedizin betreut, das hat durch­aus Spass gemacht. Aber ich bin halt nicht der geborene Lehrer.» Und dann, nach zehn Jahren an der UZH, gerade als er das Thema für seine Habilitation festgelegt hat, wird der Chefsessel im Zoo Zürich frei. Der seit Kin­dertagen  gehegte Berufswunsch erscheint Rübel plötzlich zum Greifen nah. Er bewirbt sich um den Direktorenposten  –  und be­kommt den Zuschlag. Zu seiner eigenen Überraschung: «Ich konnte ja nicht viel vor­weisen, was mich für Leitung und Manage­ment eines Zoos qualifiziert hätte.» Aller­dings, so wurde ihm später verraten, hatte man bei ihm mehr Potenzial als bei den anderen Kandidaten vermutet. Der Rest war Learning by Doing. Ein enor­mes Lernpensum, denn in den vergangenen 20 Jahren hat sich in den europäischen Zoos ein grundlegender Wandel vollzogen – weg von der Käfighaltung, hin zu einer artge­rechten Simulation der natürlichen Umge­bung. Dass die Tiere sich in den grösstenteils umgestalteten Anlagen des Zürcher Zoos wohlfühlen, ist auch an den hohen Gebur­tenraten abzulesen. Vom Amur­-Tiger bis zum Zweizehen-Faultier gibt es zurzeit Nachwuchs. Der Zoo Zürich ist europaweit auch der einzige Zoo, dem Nachzuchten von Galapagos-­Schildkröten geglückt sind. «Die letzten der insgesamt über 50 Jungtiere sind vor ein paar Monaten geschlüpft», berichtet Rübel freudestrahlend. Seine Augen leuch­ten für einen kurzen Moment auf. Dann ist er wieder ganz Zoodirektor: «Nein, ein Lieb­lingstier habe ich eigentlich nicht.»