Natalie Spross Döbeli: CEO Spross

Persönlichkeiten blicken auf ihre Studienzeit an der Universität Zürich zurück. Diesmal Natalie Spross Döbeli, CEO des Gartenbauunternehmens Spross.

Text von Daniel Bütler, erschienen im UZH Journal Nr. 1/2014

Natalie Spross Döbeli; Bild: zVg

Kaum hatte sie den Fuss über die Schwelle der Universität Zürich gesetzt, erhielt Natalie Spross die erste Lektion: Da war niemand, der sie abholte und ihr einen Stundenplan in die Hand drückte. «Das war ein aufrüttelnder Moment», lacht sie. «So lernte ich gleich: Jetzt musst du selber für dich schauen.» Dabei war, zumindest in den Augen ihres Grossonkels Werner H. Spross, Patron des Zürcher Familienunternehmens, der Schritt an die Universität nicht selbstverständlich. «Warum willst du studieren? Als Frau kriegst du doch später sowieso Kinder», hatte sie der als «Gärtner der Nation » bekannte Grossonkel gefragt. Heute hat Natalie Spross auch dank ihres Wirtschaftsstudiums auf dem Chefsessel der Spross-Holding AG Platz genommen. Mit ihren 36 Jahren ist sie eine junge Geschäftsführerin. Und als Frau eine Rarität in der Branche. Auch wenn ihre Ernennung zur Chefin das (lokale) Medieninteresse geweckt hat, fühlt sie sich keineswegs als Prominente. Und doch trägt sie einen – vor allem in Zürcher Fussballerkreisen – bekannten Namen. Ihr Grossonkel Werner H. Spross war jahrelang Mäzen und Bankier des Grasshopper- Clubs. An der UZH, sagt sie, sei sie allerdings höchstens von Professoren auf ihre Herkunft angesprochen worden. Wie etwa an der Marketing-Lizentiatsprüfung, bei der sie das Marketingsystem von Spross hätte erklären sollen, «was nun wirklich nicht mein Spezialgebiet war». Sie meisterte die Prüfung, ebenso wie das ganze Studium, ordentlich: «Mein Ziel war nie, mit summa cum laude abzuschliessen.» Den Familienbetrieb kennt sie seit Kindesbeinen; sie wuchs in einer Wohnung direkt über dem Hauptsitz des Unternehmens auf. Schon während der Zeit am Gymnasium arbeitete sie in der Firma mit, zunächst in der Baumschule, dann, neben dem Studium, in der Buchhaltung. Im Betrieb mitanpacken zu können, war für sie einer der Hauptgründe, in ihrer Heimatstadt Zürich zu studieren.

«Gute Gefühle für die UZH»

Natalie Spross ist ein Zahlenmensch, da war es naheliegend, sich für das Fach Wirtschaft einzuschreiben. Das Studium hat sie als schöne, aber nicht besonders wilde Zeit in Erinnerung. Mal im Lichthof einen Kaffee zu trinken, statt in die Vorlesung zu gehen, das lag drin; aber jeden Abend Party zu machen, das war nicht ihr Ding. Sie habe zielgerichtet studiert, gleichzeitig die Freiheiten, die das Studium bot, geschätzt. Ob Selbständigkeit auch im heutigen Bologna-System noch vermittelt werde, fragt sie im Gespräch. Mitgenommen aus ihrer Zeit an der Universität Zürich hat sie einige nette Kolleginnen und Kollegen – und jede Menge gute Gefühle. Fährt sie die Rämistrasse hoch, beobachtet sie die Studierenden und denkt dabei nicht selten: «Ach, wie schön ihr es habt!» Sie habe an der Universität ein gutes Basiswissen erworben, doch die Geschäftspraxis funktioniere anders als die Theorie, sagt sie. Zentral sei die menschliche Komponente: «Als Geschäftsführerin muss ich mit 160 verschiedenen Menschen umgehen können. Sie bilden die Basis der Firma.» Ihr Einstieg in den Familienbetrieb kam letztlich doch schneller als erwartet. Eigentlich wollte Natalie Spross nach dem Studienabschluss 2003 zuerst in anderen Unternehmen Erfahrungen sammeln. Doch nach ihrem ersten Jahr im Arbeitsleben starb Patron Werner H. Spross unerwartet. So trat sie – auch als Unterstützung für ihren Vater, der nun CEO wurde – in die Spross-Geschäftsleitung ein. Anfang 2013 wurde sie Geschäftsleiterin; sie setzt wie schon ihr Vater auf die drei inzwischen gleichwertigen Geschäftsfelder Gartenbau, Immobilien und Entsorgung. War ihre jetzige Position nicht schon immer ihr Ziel gewesen? Sie lacht. «Mich als Frau hatte niemand auf dem Radar. So war dieser Schritt ein Dürfen, kein Müssen.» In einer eher konservativen Branche ist sie eine unkonventionelle Chefin. «Ich arbeite Teilzeit, 70 bis 80 Prozent», sagt die zweifache Mutter offenherzig. Als Chefin müsse sie nicht ständig physisch präsent sein, sondern dann, wenn man sie brauche, meint sie. Es entbehrt nicht der Ironie, dass ausgerechnet die Nachfahrin eines der letzten Patrons alter Schule für eine progressive Führungskultur eintritt.