Peter Stamm: Schriftsteller

Persönlichkeiten blicken auf ihre Studienzeit an der Universität Zürich zurück. Diesmal der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm.

Text von Alice Werner, erschienen im UZH Journal Nr. 3/2014

Bild: Stefan Kubli

Eigentlich war Peter Stamm der ideale Stu­dent. Einer, der viel Wissen anhäufen und sich breit bilden wollte. Der Kurse besuchte, weil sie ihn wirklich interessierten – das Fach war dabei fast egal. Bei ihm lief das so: das Vorlesungsverzeichnis holen, durch­ blättern und auswählen. Dass Kommilito­nen etwas studierten, was sie nicht span­nend fanden, verwunderte ihn sehr. Er war ein junger Mann, der an der Universität tatsächlich etwas fürs Leben lernen wollte. Fürs Leben und – noch wichtiger – fürs Schreiben. Denn dass er einmal Schriftstel­ler werden würde, stand für ihn schon lange fest. Nach einigen Semestern war die Zeit reif, das literarische Schreiben ernsthaft anzupacken. Er brach das Studium ab. Endet hier die Geschichte vom idealen Studenten?

Von Seuchenkunde bis Kunstgeschichte

Der  51­jährige  Thurgauer,  der  zum  Gespräch ins Casinotheater Winterthur gekommen ist, blättert im mitgebrachten Testatheft. Von 1987 bis 1991 war Peter Stamm an der Universität Zürich eingeschrieben. Er ist selbst neugierig darauf, was für Themen ihn damals interessierten. «Medizin und Seuchen in der neueren Zeit», «Aussergewöhn­liche  Bewusstseinszustände», «Angst  und Angstbewältigung», aber auch Vorlesungen in Kunst­ und Musikgeschichte, Seminare zu Edgar Allan Poe und künstlicher Intelligenz. Ganz schön querbeet. «Das war ja gerade das Tolle daran!» Stamm ist amüsiert und hellwach ob der Erinnerungen an alte Zeiten. «Die Querverbindungen, die sich plötzlich zwischen den Fächern ergaben!» Kurzer Abriss seines Lebenslaufs: Nach einer kaufmännischen Lehre und der Arbeit als Buchhalter legt Peter Stamm auf dem zweiten Bildungsweg die technische Matur ab. Er will studieren - aber was studiert man, wenn man Schriftsteller werden will? Anglistik erscheint ihm schliesslich geeignet; die angel­sächsischen Autoren Edgar Allan Poe, Ernest Hemingway, Joseph Conrad, James Joyce beeinflussen ihn stark. Er entwickelt Spass an der Analyse von Literatur, besteht das linguistische Propädeutikum, lernt die angelsächsische Lyrik lieben. «Oje, oje», Stamm schüttelt den Kopf. «Das Proseminar über die Dichtung von Shakespeare, Keats, Cummings, Frost!» Der Professor sei gross­artig gewesen; das Ärgernis waren eher die anderen Seminarteilnehmer: Sportstuden­ten mit Englisch als Nebenfach – und ohne den geringsten Sinn für gereimte Verse. Diese Erfahrung hatte ein literarisches Nachspiel. «In drei meiner Romane kom­men unsympathische Sportlehrer vor.» Aber, trotz aller Liebe, dann die Erkennt­nis: «Literatur studieren und Literatur schreiben – das sind zwei völlig verschie­dene Dinge.» Nach zwei Semestern geht er erst mal nach New York, arbeitet ein halbes Jahr für die Schweizerische Verkehrszent­rale: Bahnauskünfte geben, Billette für Zug­strecken in Europa an amerikanische Reise­büros verkaufen.

Wie tickt der Mensch?

Zurück in Zürich, sattelt er um auf Psycho­logie, Psychopathologie und Informatik. In der «Seelenlehre» glaubt er mehr über den Menschen – den Menschen als Gegenstand der Literatur – zu erfahren. Hat sich seine Hoffnung erfüllt? Im Prinzip schon: In den Vorlesungen an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und später, während der klinischen Praktika, lernt er einiges über psychisch kranke Menschen. «Dieses Wissen schärft und erweitert den Blick auf die eigene Spezies enorm. Sogar sich selbst ver­steht man besser.» Aber restlos überzeugt ihn das neue Studienfach wiederum nicht: «Diagnosen zu stellen, die komplexen Ge­schichten dieser Menschen auf wenige Stichworte zu reduzieren, das ging mir ge­gen den Strich.» Hinzu kommt: Die Anglis­ten waren ein lustiges, lockeres Völkchen, viele Psychologen aber – Studierende wie Dozierende – kommen Stamm ziemlich schräg vor. Manche sind wohl Mitglied in einer obskuren psychologischen Gesell­schaft, die aufgrund ihres missionarischen Eifers und ihrer proklamierten «Weisheiten» schnell ins Kreuzfeuer der Öffentlichkeit ge­rät. Stamm schüttelt sich: «Die Stimmung am Institut war manchmal richtig verschwö­rerisch, fast unheimlich.»

Durch Präzision zu Perfektion

Der Schriftsteller in spe geht auf Abstand, hält sich an die Kommilitonen, die er im Fechtunterricht kennenlernt. Seinem dama­ligen Fechtmeister, Jenö Pap, einem ehema­ligen Weltmeister, ist er bis heute dankbar: «Durch Präzision wollte er uns zu Perfek­tion treiben.  Dieses  genaue  Arbeiten  ist auch  beim  Schreiben  wichtig.»  Die  Zwi­schenprüfung in Psychologie legt er noch ab – «ich wollte mir nicht nachsagen lassen, das Studium aus Faulheit abgebrochen zu haben» –, dann exmatrikuliert er sich. Peter Stamm hat nun eine unterhaltsame Stunde lang Anekdoten aus seiner Studienzeit hervorgekramt, zum Schluss muss man ihm noch folgende Frage stellen: Wie geht für ihn die Geschichte vom idealen Studenten aus? «Gut», sagt er und lächelt, «Mein selbstzusammengestelltes Studium generale ist für mich bis heute eine sprudelnde WIssensquelle.»­