Dominique Zaugg: die Romanistin beim VBS

«Es ist einfach anders, wenn eine Frau dabei ist.»

 Ein klassischer «Militärkopf» ist sie gewiss nicht, obwohl sie den Rang eines Obersten bekleidet. Dominique Zaugg hat an der UZH Romanistik und europäische Volksliteratur studiert, war ein rebellischer Teenager und hat mit Anfang zwanzig aus Überzeugung Militärdienst geleistet. Nach 15 Jahren in verschiedenen Positionen beim Verteidigungsdepartement (VBS) ist sie heute Stabschefin beim Think Tank Avenir Suisse.

«Ich bin die Älteste von drei Kindern. Meine beiden Brüder tobten gerne draussen herum, ich war dagegen ein Bücherwurm, spielte auch mit Puppen, legte als Kind ein eher klassisches Rollenverhalten an den Tag. Meine Eltern haben nicht studiert, meine Brüder auch nicht, aber ich wollte an die Kanti und entwickelte mich dort zum aufmüpfigen Teenager. Häufig war der Sonntagabend eine Gelegenheit, wo die Familie zusammensass und diskutierte. Ich war (und bin) sehr interessiert an Gleichstellungsfragen, engagierte mich gegen Atomkraft und setzte mich für den Naturschutz ein. Meine Eltern stellten sich diesen Themen und waren häufig die Sparringpartner. Nur meinen Brüdern ging ich mit meiner diskussionsfreudigen Art wohl ziemlich auf den Geist.

Es war Anfang der achtziger Jahre und die Ausläufer des Kalten Krieges waren noch spürbar; man sprach über die Gefahren einer Ost-West-Konfrontation. Mein Vater ist Offizier, meine Mutter war im Zivilschutz, meine Brüder gingen in die RS und ich? Alle hätten ihre Aufgabe bei der Verteidigung der Schweiz gehabt. Nur ich hätte in einem eventuellen Kriegsfall im Zivilschutzkeller untätig herumsitzen müssen. Auch schien es mir logisch, dass Frauen nicht nur gleiche Rechte, sondern auch gleiche Pflichten haben sollten.

Meine Militärkarriere begann 1984 mit der Rekrutenschule bei der Luftwaffe, damals noch beim FHD (Frauenhilfsdienst) zusammen mit 250 Frauen. Es war ein ‹Chrampf›‚ aber am Ende des Einführungskurses war ich um Vieles reicher: viele Kameradinnen aus der ganzen Schweiz kennengelernt, mehr als einmal den inneren Schweinehund bezwungen und im Notfall würde ich eine sinnvolle Aufgabe haben. Während meines ersten WKs kam mir der Gedanke, dass ich ‹weitermachen› könnte und so startete ich ab 1986 meine militärische Karriere mit der Unteroffiziersschule. Nachdem der FHD bzw. MFD (Militärischer Frauendienst) 1995 abgeschafft und die Frauen bezüglich Ausbildung und militärischer Grade gleichgestellt worden waren, liess sich beobachten, dass die klassische Rollenverteilung doch nicht über Nacht verschwand. Beim Fliegerbeobachtungsdienst, wo ich eingeteilt war, versahen die Männer weiterhin draussen ihren Dienst, beobachteten Flugzeuge, hatten die aktiven Jobs. Die Frauen leisteten drinnen Zulieferdienste, zeichneten Karten und waren zuständig für die Kommunikation. Revolutionen auf dem Papier gehen halt schneller als jene in den Köpfen.

Dominique ist auch ein Männername, entsprechend kam es im Militär mitunter zur Verwirrung. Beispielsweise als ich das erste Mal als Kompaniekommandant eine gemischte Kompanie von 220 Leuten führte. Gemischt war die Kompanie übrigens nur wegen mir: Ich führte 219 Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere. Die meisten hatten aus dem Aufgebot geschlossen, dass Dominique Zaugg ein Mann sein müsse. Die Augen waren am ersten Tag entsprechend gross.

Ich hätte im Militär nicht weitergemacht, wenn es mich nicht gereizt hätte. Schon in der Unteroffziersschule merkte ich, dass es mir gefiel, Menschen zu motivieren und zu führen. Es bedeutete für mich innerlich aber auch immer einen Spagat zu machen, denn eigentlich war ich eine Emanze geblieben, sehr selbständig denkend und das Militär steht dem entgegen, ist extrem hierarchisch. Doch ich lernte auch viel und bekam immer mehr Spass an der Verantwortung. In dieser Zeit geschlossene Freundschaften dauern bis heute an. Andererseits gab es Bekannte aus der Schulzeit, die kein Verständnis für meine Militärkarriere hatten und mit mir brachen. Das tat weh und so habe ich an der Uni lange über mein ‹zweites Standbein› geschwiegen. Es war unter phil.I Studierenden auch nicht wirklich chic als junge Frau Militärdienst zu leisten und sich so zu outen.

Dass ich nach dem Studium und drei Jahren Assistenzzeit an der Universität beim Verteidigungsdepartement landete, war nicht geplant. Ich wollte nicht Französisch-Lehrerin werden, sondern lieber in die Wirtschaft und bewarb mich bei verschiedenen Firmen. Dort wurde mit hochgezogenen Brauen reagiert, wenn ich sagte, dass ich jährlich rund vier Wochen Militärdienst als Kompaniekommandant leisten müsse. Beim VBS wurde ich dagegen mit offenen Armen empfangen. Ich habe dort die grossen Reorganisationen von der Armee 61 über die Armee 95 bis zur Armee XXI miterlebt. Zunächst war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin im Generalstab, dann Chefin Einsatz und Unterstützung, Bereichsleiterin im Führungsstab der Armee, Kernprozessmanagerin im Planungsstab und bis 2011 wissenschaftliche Beraterin von Armeechef André Blattmann.

Während meines Dienstes in der Armee und auch im VBS arbeitete ich häufig nur mit Männern zusammen und immer wieder hörte ich den gleichen Satz: ‹Es ist einfach anders, wenn eine Frau dabei ist.› Der Umgangston ändert sich, aber es ist nicht so, dass man als Frau geschont würde. Je höher man in der Hierarchie steigt, desto stärker spürt man auch die Konkurrenz. Und gerade weil man eine Frau ist, wird man scharf beobachtet. Das war im Militär genauso wie im Berufsleben. Nach 15 Jahren VBS strebte ich eine grundlegende berufliche Veränderung an. Den Hinweis für die neue Stelle erhielt ich von einer langjährigen Kameradin. So bin ich seit 2012 Stabschefin bei Avenir Suisse, zuständig für das Personalwesen, für die Finanzen und IT, wie auch für die Organisation der Stiftung und deren verschiedenen Organe. Es ist ein kreatives und intellektuell spannendes Umfeld. In meiner Freizeit betreibe ich Laufsport und im Winter fahre ich Ski. Ausserdem pflege ich vielfältige kulturelle Interessen ­– Theater, Oper, Konzerte, Ausstellungen – und widme mich begeistert meinen beiden Gottebuben.

Als Kind träumte ich davon, Stewardess zu werden, als Teenager Kinderärztin oder Diplomatin. Ich hätte gerne Kinder gehabt, aber es fand sich dafür nicht der richtige Partner zur richtigen Zeit. Ich habe Französische Sprachwissenschaften studiert, weil ich mich während eines Sprachaufenthaltes in die Stadt Paris verliebte und auch Pariser Blut in meinen Adern fliesst. Ich bin im Militär aufgestiegen, ledig geblieben und Stabschefin geworden. Kein Mädchen kann sich einen solchen Weg überhaupt ausdenken, nichts davon habe ich bewusst geplant und angestrebt. Lassen sich Lebenswege eigentlich planen? Meiner hat sich aus Möglichkeiten, Interessen, Kontakten, wohlwollend begleitenden Chefs und auch viel Glück ergeben.»