Adam Zweig: Mathematik und Psychiatrie

«Jetzt bist du heimgekommen»

Adam Zweig, Jahrgang 1924, ist Sohn des Schriftstellers Arnold Zweig und weitläufig verwandt mit Stefan Zweig. Sein bewegtes Leben hat ihn von Berlin über Palästina nach Zürich geführt, wo er 1946 sein Medizinstudium begann. Im Bernischen hat der Psychiater und Psychotherapeut den Grossteil seines Lebens verbracht und in späteren Jahren noch Mathematik studiert.

«Ich bin 1924 in Berlin geboren, als zweiter Sohn des Schriftstellers Arnold Zweig. Bis zu meinem 9. Lebensjahr führten wir – meine Eltern, mein vier Jahre älterer Bruder und ich – ein beschauliches Leben am Rande der Stadt in einem Häuschen mit Garten in einer Künstlersiedlung. Mein Vater war Pazifist, ein liberal denkender Agnostiker, gegen den Adel und rechte Propaganda. Er stand bei den Nazis von Anfang an auf einer schwarzen Liste. Als sie im Frühling 1933 an die Macht kamen, war mein Vater auf einer Vortragsreise, die ihn auch nach Wien führte, wo er Sigmund Freud traf. Die beiden verstanden sich auf Anhieb und bezeichneten sich im späteren Briefwechsel als «„Vater Freud“ und „Meister Arnold“». Freud überredete meinen Vater, nicht nach Berlin zurückzukehren. Er fuhr also nach Südfrankreich, meine Mutter und wir Kinder folgten ihm im Sommer und im Oktober bestiegen wir einen Dampfer Richtung Palästina. Wir bekamen einen «British Passport for Palestine», denn die Deutschen hatten uns ausgebürgert, und wohnten bei einer Cousine meiner Mutter, die auf dem Karmel eine Pension betrieb. Ich ging dort zur Schule, lernte Hebräisch und machte während des Krieges im Korrespondenzverkehr mit London eine britische Matura. Nach Kriegsende bewarb ich mich für ein Medizinstudium in London, Amsterdam und Zürich. Alle drei Universitäten wollten mich aufnehmen. Man riet mir zu Zürich, als die führende medizinische Fakultät in Europa. So kam ich am Abend des 11. Novembers 1946 mit dem Zug in Zürich an, trat auf den Bahnhofplatz, sah das Alfred Escher Denkmal, Trams, Autos, Leuchtreklamen in deutscher Sprache und ich hatte das wunderbare Gefühl: «Jetzt bist du heimgekommen».

1952 machte ich in Zürich das Staatsexamen. Im letzten Studienjahr lernte ich meine spätere Ehefrau Hanni Strauss aus Lengnau AG kennen. 1954 heirateten wir und 1958 wurde unser erster Sohn geboren. Es folgten eine Tochter und ein weiterer Sohn.

Psychiatrie in Bern

Dass ich Psychiater wurde, hatte zwei Gründe. Zum einen bekam man damals gleich nach dem Studium nur in der Psychiatrie eine bezahlte Stelle. Zum anderen hatte ich bald einmal gemerkt, wie sehr mich die Menschen nicht nur als Körper, sondern auch als Persönlichkeiten interessierten. Während die Kollegen bei der Krankenvisite zuerst nach dem Krankenblatt griffen, schaute ich den Patienten zuerst in die Augen. Die beruflichen Sporen verdiente ich mir an verschiedenen psychiatrischen Kliniken in Bern und Umgebung ab. 1971 kauften wir ein Haus in Bremgarten bei Bern, wo wir unsere Kinder aufzogen. 1978 machte ich den FMH und liess mich als Spezialarzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Praxis in Bern nieder. Diese führte ich bis 1997. Mit 73 Jahren gab ich die Praxis auf. Wir verkauften das Haus und suchten eine Wohnung im Umfeld von Zürich. 1998 zogen wir dann nach Egg, wo es uns gut gefällt.

Mathematik und Psychiatrie

Die Mathematik hat mich zeitlebens fasziniert und so habe ich 1995, mit Anfang siebzig, noch begonnen Mathematik in Bern zu studieren und war von 1998 bis 2000 unter anderem Hörer an der ETH. Über die Verbindung von Psychiatrie und Mathematik habe ich schon 1969 eine Abhandlung veröffentlicht: «Grundzüge einer Tensor-Algebraischen Psycho-Dynamik II, ein vektorpsychologischer Beitrag zur visuellen Wahrnehmung».

Wenn man ein schwarzweisses Schachbrettmuster rotieren lässt, erkennt das gesunde Gehirn vier kreuzförmig angeordnete Streifen, die je nach Geschwindigkeit der Rotation schmaler oder breiter werden. Ich fand heraus, dass hirnorganisch gestörte Patienten zwar die Streifen erkennen, aber nicht die Veränderung bei anderer Geschwindigkeit. Diese Erkenntnis wäre eigentlich ein probates Mittel zur Früherkennung von Veränderungen im Gehirn, man denke an Alzheimer oder andere Krankheiten, die im Frühstadium noch keine grossen Auswirkungen zeigen. Doch zurzeit ist diese Erkenntnis nicht sehr gefragt, man hat andere Testmethoden. Die Symbolik ist das andere Gebiet, das mich immer fasziniert hat. 1983 habe ich die Gesellschaft für Symbolforschung gegründet. In der Psychotherapie befasst man sich häufig mit der Traumdeutung und versucht, durch freie Assoziation Unbewusstes bewusst werden zu lassen. Der Schlüssel dazu ist die Deutung der Symbole im Traum. Aber was Symbole eigentlich sind, konnte mir nie jemand richtig erklären. Hier habe ich nun die Mathematik und insbesondere die Mengenlehre und Vektoralgebra zurate gezogen. Während wir mit der Sprache bei der Deutung immer wieder an Grenzen stossen, erlaubt die Mathematik einen neuen Zugang zur Symbolik und zur Frage unserer innersten Wünsche. Das Buch, das ich in den letzten Jahren geschrieben habe heisst «Symbol – Begriff – Sprache». Derzeit bin ich auf der Suche nach einem Verlag.

Ich war in den 40er und 50er Jahren Mitglied des Hochschulvereins (Vorläufer des ZUNIV), bin aber ausgetreten, als ich nach Bern zog. 2004 bin ich dem ZUNIV und den MedAlumni beigetreten. Ich besuche gerne die verschiedenen Veranstaltungen, nicht zuletzt weil man dort immer spannende, nachdenkliche, ausserordentliche Menschen trifft.»

(aufgezeichnet im November 2013)